Rubrik Verkehr / Mobilität

Nationale Verkehrssicherheitskonferenz: Bund setzt richtigen Schwerpunkt – Gefahr auf Landstraßen entschärfen

09.04.2026 – Lesezeit ca. 8 Minuten 200

Nationale Verkehrssicherheitskonferenz: Bund setzt richtigen Schwerpunkt – Gefahr auf Landstraßen entschärfen

Nationale Verkehrssicherheitskonferenz: Bund setzt richtigen Schwerpunkt (Bild: Daniela Stanek, DVR)

Im Rahmen des „Pakts für Verkehrssicherheit“ haben sich das Bundesverkehrsministerium (BMV), Länder, Kommunen und über 400 nichtstaatliche Akteure im Jahr 2021 ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Menschen soll bis 2030 um 40 Prozent sinken. Anlässlich der zweiten Nationalen Verkehrssicherheitskonferenz am 14. April zieht der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) eine kritische Zwischenbilanz. Während im Pandemie-Jahr 2021 noch 2.562 Menschen im Straßenverkehr ums Leben kamen, stieg diese Zahl im Jahr 2024 auf 2.770 und 2025 sogar auf 2.814 an. Der DVR warnt, dass das selbst gesteckte Reduktionsziel angesichts dieser Entwicklung kaum noch zu erreichen ist. Gleichzeitig begrüßt der DVR ausdrücklich, dass der Bund auf der Nationalen Verkehrssicherheitskonferenz mit der Entschärfung der Gefahren auf Landstraßen einen richtigen strategischen Schwerpunkt setzt.

„Die Statistik spricht eine klare Sprache: Bei der Reduzierung der Todesfälle im Straßenverkehr kommen wir in den letzten Jahren nicht voran – die Entwicklung stagniert“, erklärt Manfred Wirsch, Präsident des DVR. „Wo sich Fehlentwicklungen verfestigen, ist politische Führung gefragt. Es ist daher ein wichtiges Signal, dass Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder den Unfallhotspot Landstraße zu einem Kernthema der Konferenz gemacht hat. Da fast 60 Prozent der im Straßenverkehr getöteten Menschen auf Landstraßen verunglücken, liegt hier ein entscheidender Hebel.“

Bund und Länder: Landstraßen gemeinsam sicher machen

Es ist ein entscheidender Schritt, dass der Bundesverkehrsminister und die Verkehrsministerinnen und Verkehrsminister der Länder nicht nur Maßnahmen für Bund, Länder und Kommunen festgelegt, sondern zur Verbesserung der Sicherheit auf Landstraßen auch die Ministerien für Inneres, Justiz und Gesundheit zu Beratungen aufgerufen haben. Nur durch einen ressortübergreifenden Ansatz lässt sich der grundgesetzliche Schutz von Leib und Leben auch auf Landstraßen wirksam gewährleisten. Zudem gilt es, die enormen volkswirtschaftlichen Kosten von Straßenverkehrsunfällen zu senken, die 2024 erstmals die 40-Milliarden-Euro-Marke überschritten haben.

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„Der Tod auf unseren Landstraßen ist kein unvermeidbares Schicksal“, betont Manfred Wirsch. „Wenn Ministerien über Ressortgrenzen hinweg an einem Strang ziehen, können wir Landstraßen systematisch und nachhaltig sicherer machen. Landstraßen sind Lebensadern: Sie verbinden Menschen, sichern Mobilität und ermöglichen Handel. Das verlangt nach einer besonderen Verantwortung in der Verkehrssicherheit. Es ist unsere Pflicht, das Leben der Menschen auf diesen Straßen mit aller Kraft zu schützen.“

Bundesverkehrsministerium: Tempolimits auf Landstraßen senken

Anlässlich der Konferenz untermauert der DVR erneut seine Forderung: Auf Landstraßen mit einer Fahrbahnbreite bis einschließlich sechs Metern soll eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h gelten, während das Tempo an Kreuzungen und Einmündungen auf Landstraßen auf 70 km/h begrenzt werden sollte. In der Fachwelt gelten Geschwindigkeitsbegrenzungen als effektivste und am schnellsten wirksame Maßnahme, um die Zahlen von Verkehrsopfern auf Landstraßen signifikant zu verringern. Es liegt nun am Bundesverkehrsminister, den notwendigen rechtlichen Rahmen für diese Tempolimits zu schaffen.

„Wir rüsten unsere Fahrzeuge technisch immer weiter auf, weigern uns aber, die einfachste Sicherheitssoftware der Welt zu installieren: Ein Blechschild mit der Zahl 80“, sagt Manfred Wirsch. „Wir alle kennen die Kreuze an den Landstraßen. Dabei sollten wir lieber Schilder aufstellen statt Kreuze. Wir begrüßen, dass die Verkehrsministerien von Bund und Ländern über die Höchstgeschwindigkeiten beraten – und fordern den Bundesverkehrsminister auf, hier eine klare Entscheidung im Sinne der Verkehrssicherheit zu treffen.“

Verkehrsministerien der Länder: Unfallhäufungsstellen beseitigen

Der DVR fordert die Verkehrsministerinnen und Verkehrsminister der Länder auf, die bundesweit mehr als 10.000 Unfallhäufungsstellen entschlossen zu entschärfen. Um bauliche Maßnahmen kurzfristig umsetzen zu können, sollten Landesstraßenbetriebe einen Teil der vorhandenen finanziellen und personellen Ressourcen für diesen Zweck reservieren. Diese Reserven sollten von den zuständigen Baulastträgern unbürokratisch und zweckgebunden abgerufen werden können. Zudem muss in allen Bundesländern eine verpflichtende Sicherheitsprüfung für geplante und bestehende Straßen vorgeschrieben sein und diese auch kontrolliert werden, um gefährliche und kostspielige Fehlplanungen zu vermeiden.

„Wir kennen die Koordinaten der Unfallhäufungsstellen in Deutschland sehr präzise“, betont Manfred Wirsch. „Hinter jeder dieser Stellen stehen Namen, Gesichter und Familien. Was wir brauchen, ist nicht nur Mitgefühl nach einem Unfall, sondern Kapazitäten in den Ämtern, um Gefahrenstellen zu entschärfen, bevor ein Unfall überhaupt erst passiert.“

Innenministerien der Länder: Verkehrsüberwachung ausbauen

Der DVR fordert die Innenministerinnen und Innenminister der Länder auf, die Verkehrsüberwachung systematisch auszubauen. Damit die Polizei und die staatlichen Überwachungsorgane diesen Auftrag effektiv erfüllen können, ist eine deutlich bessere finanzielle und personelle Ausstattung zwingend erforderlich.

Der DVR empfiehlt den Innenministerinnen und Innenministern der Länder zudem, die kamerabasierte Kontrolle von Ablenkungsverstößen durch sogenannte „Handy-Blitzer“ zu verstärken. Ziel dieser Kontrollen ist es, Verstöße gegen das Nutzungsverbot elektronischer Geräte am Steuer flächendeckend zu dokumentieren und konsequent zu sanktionieren. In Rheinland-Pfalz wurde der Einsatz dieser Systeme durch eine Novelle des Landespolizeigesetzes ermöglicht und 2025 erfolgreich erprobt. Um einen Flickenteppich an Einzelregelungen zu vermeiden, muss der Bund nun zeitnah eine bundeseinheitliche Regelung schaffen.

„Es ist inakzeptabel, dass Menschen ihr Leben verlieren, weil jemand am Steuer abgelenkt war“, sagt Manfred Wirsch. „Und es ist nicht mehr zeitgemäß, dass die Polizei solche Verstöße unter extremem Zeit- und Personalaufwand nachweisen muss. Deutschland muss bei der kamerabasierten Kontrolle effektiver werden – und darf sich hierbei ruhig ein Beispiel an erfolgreichen Best-Practice-Beispielen aus dem Ausland nehmen.“

Justizministerien der Länder: Verkehrssünder sanktionieren

Das BMV hat im März in seinem Bericht für die Verkehrsministerkonferenz auf eine kritische Lücke in der Verkehrsüberwachung hingewiesen: Während sich die polizeiliche Geschwindigkeitsüberwachung grundsätzlich an der Unfalllage orientiert, stößt die Fahrererkennung bei Motorrädern regelmäßig an ihre Grenzen. Deshalb wurden die Justizministerinnen und Justizminister der Länder aufgefordert, diese Vollzugslücke zu schließen. Das Problem betrifft nicht nur Motorräder, sondern auch Fälle, in denen Pkw-Fahrende zwar geblitzt, aber nicht zweifelsfrei identifiziert und damit nicht sanktioniert werden können.

Der DVR fordert daher wirksame Regelungen, um die Ahndung solcher Verkehrsverstöße sicherzustellen. Ein Lösungsansatz kann die Einführung einer Halterverantwortlichkeit sein. Nach diesem Modell wäre zunächst der Fahrzeughalter verantwortlich, könnte sich jedoch entlasten, wenn er den tatsächlichen Fahrer benennt. Alternativ ist eine Regelung denkbar, bei der die Verweigerung der Mitwirkung bei der Fahrerbenennung mit einem Bußgeld geahndet wird.

„Es ist nicht vermittelbar, dass Menschen gegen Verkehrsregeln verstoßen und am Ende niemand zur Verantwortung gezogen werden kann“, sagt Manfred Wirsch. „Wer ein Fahrzeug zulässt oder führt, trägt Verantwortung für alles, was damit im Straßenverkehr geschieht. Wir brauchen in den Beratungen der Verkehrs- und Justizministerien jetzt Durchsetzungskraft für klare und wirksame Regeln, damit alle Verstöße rechtssicher geahndet werden.“

Kommunen: In Sicherheit investieren

Mit der Reform des Straßenverkehrsgesetzes 2024 haben Kommunen neue Handlungsspielräume erhalten, um eine sichere Verkehrsinfrastruktur zu gestalten. Diese müssen sie jetzt nutzen, insbesondere zum Schutz des Fuß- und Radverkehrs. Investitionen aus den Förderprogrammen sollten gezielt für gut ausgebaute Fuß- und Radwege sowie geschützte Querungsstellen eingesetzt werden.

Wo ein Umbau der Infrastruktur kurzfristig nicht möglich ist, schafft die derzeitige Erneuerung des Straßenverkehrsgesetzes bald die Rechtsgrundlage für eine digitale Parkraumkontrolle. Kommunen können dann die Effektivität von Parkraumkontrollen durch Scan Cars, die im fließenden Verkehr mit moderner Messtechnik Falschparker automatisch erfassen, deutlich steigern. So lassen sich etwa Kreuzungen und auch Schulwege effizient von Falschparkern freihalten.

„Kommunen müssen Sicherheit zur Priorität machen“, sagt Manfred Wirsch. „Wer die Vision Zero ernst nimmt, nutzt vorhandenes Personal, setzt verfügbare Investitionsmittel konsequent ein – und überlässt die Sicherheit an Kreuzungen oder Schulwegen nicht dem Zufall, sondern modernster Überwachungstechnik. Machen wir unsere Straßen zu Orten, an denen Menschen jeden Alters ohne Angst und in Sicherheit an ihr Ziel gelangen.“

Bürgerinnen und Bürger: Arbeitsplatz Straße gemeinsam schützen

Der DVR steht allen Partnern als starker Verbündeter für die Umsetzung der Vision Zero – einer Welt, in der niemand im Straßenverkehr sein Leben verliert oder schwere Verletzungen erleidet – zur Seite. Im Zentrum dieses Engagements steht der Mensch am Arbeitsplatz Straße. Ob in der Baustellensicherung, im Fahrerhaus eines Lkw, im Entsorgungsfahrzeug oder im Rettungswagen: Diese Menschen sind keine Hindernisse, sie sind das Rückgrat unserer Gesellschaft.

„Wer auf der Straße arbeitet, hält uns nicht auf – er hält unser Leben am Laufen“, betont Manfred Wirsch. „Hinter jeder Warnweste und jedem Blaulicht steht ein Mensch, der abends gesund zu seiner Familie zurückkehren möchte. Baustellen und Einsatzfahrzeuge sind keine lästigen Störungen, sondern Lebensadern unserer Mobilität und unserer Wirtschaft. Wir rufen alle Bürgerinnen und Bürger zu mehr Empathie auf: Runter vom Gas, Abstand halten, Rücksicht nehmen. Sicherheit am Arbeitsplatz ist keine Bitte, sondern eine Selbstverständlichkeit.“

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