24.02.2026 – Lesezeit ca. 5 Minuten 3
Personen Foto Inbetriebnahme: (v. l. n. r.) Christian Dubiel, GF Stadtwerke Bitterfeld-Wolfen; Marcel Urban, Büroleiter/Persönlicher Referent Büro Oberbürgermeister Bitterfeld-Wolfen).
Kaum ein Ort verkörpert den Strukturwandel in Deutschland mehr als Bitterfeld-Wolfen. Aus der einstigen Chemie- und Bergbau-Hochburg nördlich von Leipzig ist seit der Jahrtausendwende längst ein moderner Wirtschaftsstandort in Mitteldeutschland geworden. Mithilfe einer umfassenden Treibhausgas-Bilanzierung, Transformations-Roadmap der Wärmeversorgung sowie anschließender Machbarkeitsstudie treiben die Stadtwerke Bitterfeld-Wolfen zusammen mit der Tilia GmbH aus Leipzig den Wandel nun weiter voran.
Klimaneutral bis 2045 – so sieht es die Klimaschutzstrategie des Bundes vor. Bereits bis 2030 sollen Emissionen um 65% gesenkt werden. Die Energiewirtschaft steht dabei als Hauptverursacher seit Jahren besonders im Fokus. „Als klimabewusstes Unternehmen sehen wir die Herausforderungen, aber auch die Chancen dieser Transformation“, sagt Jan Plettau, Projektmanager der Stadtwerke Bitterfeld-Wolfen und zuständig für den Themenbereich Transformation und Wärmewende. „Deswegen haben wir bereits 2023 damit begonnen, unsere Wärmeversorgung zukunftsgerecht zu gestalten.“
Neben der Eröffnung einer 2,5 MW starken Solarthermieanlage in Wolfen-Nord im Jahr2023, die im Sommer den Wärmebedarf zur Warmwassererzeugung vollständig abdeckt, bedeutete das für die Stadtwerke im ersten Schritt eine vollständige Treibhausgasbilanzierung. Darauf aufbauend wurde 2024 eine Roadmap zur Transformation, sowie Anfang 2025 eine Machbarkeitsstudie zur Umsetzung fertiggestellt, auf deren Basis ein Zuschuss aus der Bundesförderung für Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft beantragt wurde. Unterstützt wurde das Team der Stadtwerke Bitterfeld-Wolfen – bestehend aus Jan Plettau (Projektmanager), Andreas Schick (Bereichsleiter Energiewirtschaft) und Silvio Wolf (Teamleiter Energieerzeugung) – von den Leipziger Transformationsspezialisten der Tilia, die seit 2009 Kommunen, Industrie und Stadtwerke bei notwendigen Veränderungen für mehr Nachhaltigkeit begleiten.
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„Eine vollständige CO₂-Bilanzierung gab es bisher noch nicht in Bitterfeld“, erklärt Tilia-Projektleiter Volker Wagner. „Der erste Schritt einer solchen Bilanzierung ist immer, den Status Quo exakt festzustellen. Das zeigt, wo man die Hebel ansetzen muss, um die gesetzten Transformationsziele zu erreichen. So eine Bilanzierung ist für jedes Unternehmen eine Herausforderung. Wenn man die Daten jedoch einmal strukturiert aufbereitet hat, hat man die perfekte Grundlage fürs weitere Reporting, Berechnungen und für die Zertifizierung geschaffen.“
Durchgeführt wurde die THG-Bilanzierung gemäß dem „Greenhouse Gas (GHG) Protocol“ in drei Scopes: Direkte Emissionen, indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie, sowie alle weiteren indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette. „Eine Bilanzierung nach GHG-Protokoll ist für uns als regionales Stadtwerk nicht verpflichtend“, hebt Jan Plettau hervor. „Um Transparenz und Vergleichbarkeit zu schaffen und sicherzugehen, dass unsere Transformations-Roadmap an den richtigen Stellen ansetzt, haben wir uns aber bewusst dafür entschieden.“
Damit nicht genug, entschied man sich in Bitterfeld zur externen Validierung der Ergebnisse aus Scopes 1 und 2 nach DIN-Norm durch das „Deutsche Zertifizierungsschema für die Quantifizierung von Treibhausgasemissionen“, kurz DQS. Neben der Nutzung festgelegter Standards bei der Erstellung bescheinigt das Qualitätssiegel – überprüft und bestätigt durch unabhängige Gutachter – auch die vollständige, nachvollziehbare und methodisch korrekte Erfassung der Emissionen. „Als erste Stadtwerke in der Region sind wir freiwillig diesen Schritt gegangen, um unser Engagement für eine klimaneutrale Zukunft zu unterstreichen“, so Plettau.
Die Ergebnisse der THG-Bilanzierung überführten das Projektteam aus Stadtwerken und Tilia anschließend in eine umfassende Roadmap mit Fokus auf Wärmenetz und -erzeugung. „Die Bilanzierung hat deutlich gemacht: Für zukünftige CO₂-Einsparungen liefert die Wärmeversorgung das größte Potenzial“, erläutert Plettau. Die Wärme- und Stromproduktion – zurzeit noch größtenteils auf Basis fossilen Erdgases in Blockheizkraftwerken – macht in Bitterfeld-Wolfen ein Drittel der Gesamtemissionen aus. „Gerade die Dekarbonisierung der Fernwärme bietet dabei große Transformationschancen“, so Plettau.
Neben der Dekarbonisierung wurden auch neue Fernwärmeanschlussgebiete identifiziert. „Die entscheidende Frage lautete dann: Wie können wir den gestiegenen Wärmebedarf decken, aber gleichzeitig die Wärmeerzeugung dekarbonisieren?“, führt Volker Wagner aus. Dazu wurden drei Varianten erstellt und gegeneinander abgewogen. Zur Wärmeerzeugung wurden in den Varianten gegenübergestellt: Nutzung niedertemperierter Abwärme, Nutzung hochtemperierter Abwärme, sowie der Aufbau von Windkraftanlagen zur Stromerzeugung für direktelektrische Wärmeerzeuger (Power-to-Heat). Die herausgearbeitete Vorzugsvariante war am Ende die Nutzung der niedertemperierten Abwärme: „Sie liefert ein hohes CO₂-Einsparpotenzial bei vergleichbar niedrigen Investitionskosten und hoher Versorgungssicherheit“, fasst es Wagner zusammen.
Um die potenzielle Umsetzung der Vorzugsvariante sicherzustellen, wurde bis Februar 2025 von der Tilia eine Machbarkeitsstudie angefertigt – mit positivem Ergebnis: Die Nutzung von niedertemperierter Abwärme zur Wärmeerzeugung ist am Standort Bitterfeld machbar.
Und auch anderweitig schaut man in Bitterfeld immer wieder über den Tellerrand, um die Wärmewende voranzutreiben. Die Stadtentwicklungsgesellschaft Bitterfeld-Wolfen mbH (STEG) war Mitauftraggeber einer Studie, die die Nutzhaftigkeit überregionaler Wärmeverbunde im Mitteldeutschen Revier prüfte. „Obwohl kommunalübergreifende Verbände spannende Vorteile bieten, ist die Stärkung lokaler Netze, Stand heute, zu bevorzugen“, fasst STEG-Geschäftsführer Heiko Kaaden Ergebnisse der Studie zusammen.
Um genau das zu tun, werden in Bitterfeld nun die nächsten Schritte Richtung Umsetzung des hauseigenen Transformationsplanes geprüft. Mit den bisherigen Ergebnissen zeigt sich das Team der Stadtwerke zufrieden: „Mit der Zertifizierung unserer CO₂-Bilanz, der Erstellung eines Transformations-Fahrplans sowie der Prüfung zur Umsetzbarkeit zeigen wir nicht zuletzt unseren Anwohnern, dass wir die Dekarbonisierung im Sinne der vorgegebenen Nachhaltigkeitsziele ernst nehmen“, so Jan Plettau abschließend. „Die Transformation unserer Wärmenetze ist absolut notwendig, um die Klimaschutzziele zu erreichen, muss aber auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten und im Sinne unserer Kunden funktionieren. Das ist das gemeinsame Ziel der Stadtwerke und Tilia.“